gnade.

Ich habe diese Woche viel Zeit mit Ana verbracht. Sie leitet den Kindergarten des Literacy Programs. Ana war erst 19, als sie beschloss nach Medgidia zu gehen. Das war vor fuenfzehn Jahren. Seitdem faehrt sie mit den Kindern und Jugendlichen aus Alibaba zu Camps, schickt sie zur Schule, macht Hausbesuche bei den Muettern. Ein Grossteil ihrer Arbeit ist zu geben: Essen, Kleidung, Bildung, Liebe. Seit fuenfzehn Jahren.

Und dann passiert es trotzdem, dass sie bestohlen und belogen wird, von den Kindern, in die sie so viel investiert hat. Und trotzdem geht sie am naechsten Tag wieder nach Alibaba und laedt genau diese Kinder zum Programm ein und gibt ihnen zu Essen. Manchmal denke ich, die haben all das ueberhaupt nicht verdient. Und im Grunde haben sie das auch nicht. Aber was Ana tut, zeigt mir wieder, was Gnade wirklich bedeutet und wie wichtig Vergebung ist.

Es gilt nicht mehr “Auge um Auge und Zahn um Zahn” und es reicht nicht, seinen Naechsten zu lieben und seine Feinde zu hassen. Jesus hat uns ein anderes Beispiel gegeben. Und das ist es, was Ana den Kindern zeigen will.

Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen. Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr dafür wohl verdient? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr damit Besonderes? Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist. (aus Matthaeus 5)

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f o r t s c h r i t t

2

Die zweite Campwoche ist vorueber. Ich bin gleichermassen erschoepft und erfuellt. So viel Liebe gegeben und so viel Liebe zurueckbekommen. Aber auch viele Ermahnungen verteilt, Zimmerarrest, Chaos hinterlassen und aufgeraeumt und erklaert wie man die Toilette benutzt. Ungeteilte Aufmerksamkeit, 24 Stunden am Tag. Irgendwie tut es gut sich selbst zu vergessen fuer eine Weile.

was passiert

kein fliessend wasser fuer fuenf tage. aber man gewoehnt sich an alles. menschen verabschieden mit denen man eine intensive zeit verbracht hat und ueberlegen wann und wo man sich wohl wiedersieht. keine angst vor laeusen oder ekligen krabbelkaefern. wieder neue leute kennenlernen, einpacken und auspacken. grosse kinderaugen und viele umarmungen.

die kids von meinem block kennen mich. wenn ich zum community center oder zum einkaufen gehe, rufen sie meinen namen quer ueber den parkplatz. man hat das gefuehl man ist ploetzlich ein rockstar, nur weil man mit ihnen auf dem camp war. es ist ein schoenes gefuehl.

es kommt mir so vor, als wuerden die uhren hier anders ticken. man macht tausend dinge an einem tag, aber nichts von dem was man eigentlich geplant hat. was hier passiert, ist keine fliessbandarbeit. es geht um beziehungen. es geht darum jemand eine waschmaschine zu kaufen, den passenden schluessel zu finden, fuer kemal und seine geschwister etwas zu essen zu kaufen, ein auto zu organiseren und herauszufinden wer die werkzeuge gestohlen hat.

Nu ştiu

der meistgehoerte Satz in dieser Woche. Ich weiss es nicht / Ich kann es nicht. Dirna weiss nciht wie man mit 3 Baendern flechtet. Ferdi weiss nicht wie man einen Papierflieger baut. Das Schlimme ist ja nicht, dass sie es nicht wissen oder koennen. Das Schlimme ist, dass sie es auch nicht lernen wollen. Oder nicht glauben, dass sie es lernen koennen. Ganz egal ob es darum geht zu zaehlen oder den eigenen Namen zu schreiben. Sie geben auf.
Vielleicht weil niemand an sie glaubt. Vielleicht weil ihnen niemals jemand gesagt hat, dass sie wertvoll sind und klug und kreativ.
Ich wuensche mir so sehr, dass Guelsez in zehn Jahren nicht mehr in Alibaba in einer schmutzigen Huette wohnt. Dass sie nicht wie alle anderen Maedchen mit 13 Jahren ihr erstes Kind bekommt und ihr Leben lang an diesem schrecklichen Ort bleibt. Ich will Veraenderung fuer diese Kinder. Ich will Hoffnung und eine Zukunft und dass nichts so bleibt wie es jetzt ist.

samstag abend.

wir gehen zu marianas haus. dahinter gluehen die ueberreste eines feuers. im garten ein berg mit plastikflaschen. der weg dorthin gepflastert mit allerlei muell. wir nehmen mariana und drei ihrer schwestern mit, um sie zu duschen und ihnen frische kleidung zu geben. morgen werden die kleider komplett schmutzig sein oder verkauft. wir bieten ihrer mutter an, mitzukommen, um sich zu waschen. sie lehnt ab, sagt sie schaemt sich.

MEDGIDIA

es kommt mir so vor, als waere ich nicht in ein anderes land gereist, sondern in eine andere welt. es ist grau und staubig  und heiss hier. jede strassenecke gleicht der anderen. in medgidia ist es immer laut. eine laermwueste. ich sitze auf meinem bett, das fenster zur strasse und der laerm hoert niemals auf. hupende autos, klappernde hufe eines esels, vor einer kutsche gespannt, bellende hunde mitten in der nacht.

do you know that i’m working with gypsy kids? hat cindy mich gefragt, bevor ich hier her kam. ich sagte ja, aber was das bedeutet war mir nicht klar. es sind kinder, die mit 11 jahren nicht mal ihren namen schreiben koennen, nicht mal wissen wie man einen stift oder eine zahnbuerste haelt oder wie man bis zehn zaehlt.

ihre gesichter sind schmutzig und die haare verfilzt. den ganzen tag haengen sie auf der strasse oder wuehlen in muellcontainern. wenn sie mich sehen, hoeren sie nicht auf meinen namen zu rufen, mich zu umarmen und meine haende zu kuessen. ich kenne ihre sprache nicht, aber irgendwie verstehen wir uns.

an meinem ersten tag hier sind wir nach alibaba gefahren, eine siedlung am rande der stadt. die strassen, wenn man sie so nennen kann, sind voller steine und schlagloecher, es riecht nach urin und muell. auch in den haeusern. die menschen sitzen am strassenrand auf dem boden zwischen streunenden hunden und katzen. ein 13jaehriges maedchen mit baby auf dem arm begegnet uns. sie stellt uns ihren mann vor. er ist 14 und passt auf seine acht juengeren geschwister auf, die eltern sind in italien um dort zu arbeiten oder betteln.

ich verstehe dieses leben nicht. ich verstehe diese armut und diesen dreck nicht und wie man darin doch irgendwie ein leben fuehren kann und auf seltsame art und weise doch zufrieden sein kann.

die wahre reiseroute… die war und ist und noch kommen wird. 

die wahre reiseroute… die war und ist und noch kommen wird. 

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